Great Himalaya Trail in Nepal

Auf dem Great Himalaya Trail  im Manaslu Gebiet
Auf dem Great Himalaya Trail im Manaslu Gebiet

 

 

 

Der Great Himalaya Trail als Wanderroute ist ein relativ neues Konzept. Er verbindet die drei bekanntesten Wandergebiete Nepals – LangtangAnnapurna und Everest mit einsameren Gegenden wie DolpaMustangJumla und dem Limi Valley

 

Robin Boustead hat mit seinem nepalesischer Führer Pema Thiri Sherpa die ganze Strecke erforscht und in einem Reiseführer und Bildband, sowie auf der Website www.greathimalayatrail.com dokumentiert.


Die gesamte Route ist etwa 850km bis 1.500km lang. Sie führt entlang der höchsten Berge des Himalayas und verbindet die bekannten Hauptwanderrouten miteinander.

Bisher gibt es aber keinen festgeschriebenen „etablierten“ Wanderweg, viele Wege und Passübergänge kann man sich aussuchen. 

Nepal Trekking and the Great Himalaya Trail: A Route & Planning Guide

 

Der Brite Robin Boustead hat seit 1993 unzählige Wege in entlegenen Gegenden Nepals erforscht und kartiert. Die gesamte Strecke des Great Himalaya Trails veröffentlichte er zurest in einem Bildband, dann in diesem Reiseführer.

 

Robin Boustead, Taschenbuch: 255 Seiten, Verlag: TrailblazerPubn (6. April 2011), Sprache: Englisch,

ISBN-13: 978-1905864317

 

Reisebericht Great Himalaya Trail: Auf der höchsten Trekkingroute der Welt durch Nepal

 

Die deutsche Abenteurerin Gerda Pauler hat den gesamten Great Himalaya Trail alleine, nur mit Guide und Trägern, erwandert. Ihr persönliches Reisetagebuch ist unterhaltsam und informativ. Flöhe, Geisterbeschwörungen und magische Raupenpilze kommen darin ebenso vor wie waghalsige Abseilaktionen über Eisflanken, Tipps zum Wegesuchen und kulturelle Eigenheiten der Menschen.

Erschienen auf Deutsch und Englisch.

 

Gerda Pauler, Taschenbuch: 248 Seiten, Verlag: www.traveldiary.de, Sprache: Deutsch, ISBN: 9783944365282

Fotos von Gerda Pauler und Susanne Stein

 

"Keine Tour für Kommunikationsssüchtige"


Interview mit Gerda Pauler und Susanne Stein

Susanne Stein und Gerda Pauler sind unabhängig voneinander auf dem Great Himalaya Trail monatelang quer durch Nepal gewandert. Warum sie das getan haben und wie es ihnen dabei ergangen ist, erzählen sie Lene Wolny

Wie kommt man auf die Idee, auf einem anderen Kontinent, in einer fremden Kultur, ganz alleine das höchste Gebirge der Welt zu erwandern?

Gerda Pauler: Mein Wunsch, den Himalaja zu sehen, entstand schon in meiner Jugend,der Spät-Hippie-Zeit, als es direkte Busverbindungen von Deutschland nach Nepal gab. Damals ging ich noch zur Schule, und meine Eltern erlaubten mir die weite Reise nicht. Als ich mit 30 das erste Mal im Himalaja war, fühlte ich mich sofort wohl, irgendwie zu Hause. Inzwischen war ich fünfzehn Mal dort. Nach meiner Norwegen-Durchquerung im Sommer 2011bekam ich ein bisschen den Alters-Blues und sah mich schon auf einer Pensionisten-Busreise nach Spanien. Also machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Herausforderung. Im Internet bin ich zufällig auf den Great Himalaya Trail gestoßen. Die konkrete Idee, den Great Himalaya Trail mit einer Wohltätigkeitswanderung zu verbinden, kam mir dann im Herbst 2011 in meinem Lieblingscafe in Kathmandu, als ich einen Artikel über ein Hilfsprojekt für autistische Kinder – „Autism Care Nepal“ las.

 

Susanne Stein: Ich hab auch im Internet das erste Mal vom Great Himalaya Trail gelesen. Da arbeitete ich gerade als Koordinatorin für ein medizinisches  Entwicklungshilfeprojekt in Kathmandu mit Schwerpunkt im Sindupalchowk-District. Jeden Tag hab ich von meinem Fenster aus auf die Langtang Range und den Ganesh Himal geblickt und mir gewünscht, ich hätte Zeit, dorthin zu wandern. Ich hatte einige Gebiete im Himalaja schon auf vorangegangenen Reisen in Tibet und Nepal  kennengelernt und gespürt, diese Berge sind was Besonderes, die haben Persönlichkeit. Ich wollte sie gerne alle besuchen und jeden einzelnen von ihnen aus der Nähe kennenlernen.Schon damals dachte ich, es wäre nett, nicht jedes Mal aus einem Gebiet wieder heraus wandern zu müssen, sondern von einer Region gleich in die nächste weiter gehen zu können. Ich war ganz aus dem Häuschen, als ich im Internet  auf Robin Bousteads Website stieß und herausfand, dass er die gleiche Idee gehabt und eine durchgehende Route schon erforscht hatte, komplett mit Kartenmaterial und Guidebuch. 

 

 

Wie konntet ihr euch das leisten, finanziell und beruflich?

Gerda Pauler: Eigentlich bin ich Musikpädagogin, aber seit ich 2007 nach Oslo umzog, habe ich als Sozialpädagogin hauptsächlich mit autistischen Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Einerseits herrscht in Norwegen ein großer Bedarf an Pädagogen, andererseits haben die Norweger viel Verständnis für Leute, die anders sind. Deshalb kann ich auch mal länger weg. Finanziert habe ich die Reise aus eigenen Mitteln. Nur die Ausrüstung für meinen Führer, die Träger und mich selbst kam von Sponsoren. Wir haben insgesamt 9.000 Dollar an Spendengelder zusammengetragen, die an „Autism Care Nepal“ in Kathmandu gingen. Damit konnten zwei Mitarbeiter eine Ausbildung in Indien als Begleiter von autistischen Kindern absolvieren. In Nepal ist Autismus noch relativ unbekannt. Auf meiner Wanderung hab ich versucht, das Bewusstsein für diese Behinderung in erster Linie Lehrern und Mitarbeitern von Krankenstationen zu vermitteln und ihnen erklärt, dass es in Kathmandu Hilfe und Fortbildungen gibt.

 

Susanne Stein: Ich bin Krankenpflegerin und Sozialpädagogin und habe einen Master in Public Health. Beruflich bin ich meistens für Ärzte ohne Grenzen tätig. Ich werde für bestimmte Zeit in Krisengebiete geschickt, jetzt gerade arbeite ich im Südsudan. Ich hab auch keine fixe Wohnung und kann mir zwischen den Einsätzen unbezahlt frei nehmen. Als ich ein Jahr in Nepal arbeitete, lernte ich Robin Boustead und seinen Guide Pemba kennen. Gemeinsam haben wir bis auf die letzte Nudel ausgerechnet, was es kostet, wenn ich alles selbst organisiere und nur das Essen, den Guide und die Träger bezahle. Sozusagen die Sparvariante ohne Klozelt. Der größte Brocken sind die Permits für die verschiedenen Restricted Areas wie Mustang, Dolpo und Jumla. Die kosten zwischen 50 und 70 Dollar pro Tag. Weil man nicht alleine trekken darf, musste ich die Permits immer für zwei bezahlen.

 

 

Kann das jeder machen, oder braucht man dafür besondere Kenntnisse?

Gerda Pauler: Meiner Meinung nach ist es in erster Linie eine "Kopfsache"; wie bei allen Langtouren.

Man braucht Durchhaltevermögen, Selbst-Motivation, Optimismus, Gelassenheit und realistische Selbsteinschätzung. Es hilft, wenn man sich über kleine Dinge freuen kann. Für mich war es wie Weihnachten, als wir in Upper Dolpo bei einer Familie frische Butter bekamen! Man braucht Zufriedenheit auch im Fall eines Plan B, denn Frustration belastet die Psyche. Für die 6.000er Pässe zwischen Makalu Base Camp und Rolwaling sollte man Hochtourenerfahrung mitbringen. Ganz wichtig ist „Dritte-Welt-Erfahrung“. Jemanden, der nur Europa kennt, kann die Andersartigkeit Nepals psychisch sehr belasten. Falls man, wie ich, allein und ohne Satellitentelephon unterwegs ist, muss man das Alleinsein verkraften können, da es oft lange Zeit kein Mobilfunknetz und kein Internet gibt. Es ist keine Tour für Kommunikations-Süchtige.

 

Susanne Stein: Ich hatte keine Hochtourenerfahrung und bin da mehr so reingeschlittert. Eigentlich wollte ich nur in Ruhe wandern und den Himalaja sehen. Aber ich hatte großes Vertrauen in meine Guides und wir haben uns während meiner Zeit davor in Nepal im Kletterpark von Kathmandu gemeinsam auf die Reise vorbereitet. Fit sollte man allerdings sein und im unwegsamen Gelände klar kommen und auch entsprechend Gepäck tragen können. Karten und Kompass lesen kann auch nicht schaden, da der Weg nicht immer klar ist und auch der Guide sich mal vertut! Man braucht vor allem Durchhaltevermögen und man muss es wirklich wollen! Dann kommt man auch mit Schwierigkeiten klar.

 

Wie waren die ersten Tage auf Trek?

Gerda Pauler: Beim Loswandern hab ich ein bisschen gebraucht, bis meine Gedanken bei mir waren und ich mir alle möglichen und unmöglichen Besorgnisse, was alles passieren könnte, aus dem Kopf schlagen konnte. Die zehn Wochen davor waren voller Vorbereitungen gewesen, und ich hatte keine Zeit gehabt, mich mental auf die Tour einzustellen. Zuerst konnte ich es gar nicht glauben, dass mein großes Abenteuer tatsächlich begonnen hat. Ich schwebte wie in einer bunten Seifenblase durch die subtropische Landschaft voller Bananenstauden und Bambus. Es war Mitte März und die Bougainvillea-Sträucher und Rhododendren-Bäume blühten leuchtend rosa, weiß und lila. Es dauerte einige Tage bis ich langsam im „Hier und Jetzt“ landete.

 

 

Susanne Stein: Ich bin den Trek in zwei Abschnitten gelaufen: Zuerst von September bis November von Taplejung (Kanchenjunga) nach Barabise am Arniko Highway. Da lief alles ziemlich gut, wir haben uns nur einmal verlaufen, niemand war krank und das Wetter hat auch mitgespielt. Ich war sehr stolz auf mich, dass ich es wirklich über diese hohen Pässe im Makalu-Barun Nationalpark geschafft hatte. Beim zweiten Teil hat nicht alles so geklappt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich war enttäuscht, dass ich nicht über alle Pässe gehen konnte, die ich geplant hatte. Und wir sind alle krank gewesen und hatten ständig Probleme mit dem Winterwetter. Im Nachhinein waren die Schwierigkeiten die wir in Dolpo hatten aber auch die interessanteste Zeit.

 

Wie seid ihr mit der nepalesischen Mentalität zu Recht gekommen?

Gerda Pauler: Eine allein reisende Frau ist ungewöhnlich in Nepal, das machen höchstens Nonnen. Trotzdem kann ich unterwegs einen Mann nach dem Weg fragen. In Pakistan würde ich ignoriert, in Südamerika massiv angemacht werden. Auch in den buddhistischen Bergdörfern gibt es noch diese Unterteilung in Männerwelt und Frauenwelt, aber man geht unkompliziert miteinander um. Wirklich interessante Gespräche hatte ich meistens mit Frauen. Vom Typ her bin ich eher intuitiv, bei mir setzt das Denken auch oft erst nach dem Handeln ein, damit hab ich mich in Nepal sehr wohl gefühlt. Ein für mich interessanter Aspekt war das unterschiedliche Zeitempfinden. Wenn du einen Nepalesen fragst, wann der Bus kommt, sagt er „heute“. Westliche Zeitmessung ist für ihn irrelevant. Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Guide Temba während des Treks gelöchert hab, wie lange wir noch bis zum nächsten Camp brauchen. Im Grunde spielt es überhaupt keine Rolle, ob wir noch vier oder doch acht Stunden unterwegs sind. Was habe ich erreicht, wenn ich es weiß? Wahrscheinlich nichts. Das lehren einen die unendlichen Weiten des Himalajas.

 

 

Susanne Stein: Ich hab durch meine Arbeit die nepalesische Mentalität schon gekannt und bin respektiert worden. Meine Guides waren relativ jung und ich war die Didi, die große Schwester. Die haben sich eher gewundert, was man mit mir alles anfangen kann. Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Jungs abgewöhnt hatte, dass sie mir den Tee in der Früh ans Zelt bringen und dass die Träger vorauseilen, das nächste Camp aufbauen. Das hat man ihnen so beigebracht, und es war komisch für sie, dass ich das nicht wollte. Eines der erstaunlichsten Dinge auf dem ganzen Trip war, wie unkompliziert die Leute sind. In den Häusern spielt sich das Leben um die Feuerstelle ab, die sich in der Mitte des Raums befindet. Die Frauen sitzen davor am Boden und kochen, während sie sich mit den Nachbarn unterhalten, die grade mal vorbeigeschaut haben. Wenn alle zu Abend gegessen haben, rollt jeder rund ums Feuer seine Schlafmatte aus und schläft ein, während die Glut langsam erlischt. Bis zum nächsten Morgen, wenn die Hausfrau als erstes wieder in die Asche bläst und das Feuer neu entfacht, um den Morgentee zu kochen. Keine Rede davon, dass für Gäste zu wenig Platz wäre, ganz im Gegenteil, meistens bekam ich noch das Bett der Großmutter zum Schlafen! Diese Unkompliziertheit hat mich sehr berührt. Wenn man das mit unserer Lebensweise vergleicht, wo alles geplant und durchorganisiert sein muss, wie wir die Dinge verkomplizieren, obwohl wir so viel mehr technische Möglichkeiten haben…

 

Wie verändert der Tourismus Nepal?

Susanne Stein: Die bekannten Wandergebiete haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Die Leute stellen auf Gasthausbetrieb um, es kommt Geld herein für Kanalisation und Straßenbau und das Landschaftsbild ändert sich, genauso wie die Leute und ihre Berufe. Das Problem ist eher, dass, wenn der Tourismus ausbleibt, das System zusammenbricht. Durch das Annapurna-Straßenbauprojekt gibt es jetzt schon Guesthouses, die leer stehen, weil alle mit dem Auto daran vorbeifahren. Schade ist auch, dass von dem Geld der teuren Permits nichts in die jeweilige Region fließt, sondern alles in korrupten Kanälen versickert. Aber grundsätzlich glaube ich, dass nachhaltiger Tourismus gut ist für Nepal. Die haben dort eine Superlandschaft und die Alpen leben ja auch vom Tourismus.

 

 

Gerda Pauler: Die Frage ist, wo die Grenze liegt. Nepalesen haben ein sonniges Gemüt und sehen bei den Touristen viel Schnick-Schnack, den sie dann auch haben wollen. Sicher lässt der Tourismus Geld im Ort, was schneller zu einer verbesserten Lebensqualität führt, aber er bringt auch eine Preissteigerung, die sich nicht alle im Dorf leisten können. Manche Hotels wollen den Trägern schon gar kein Essen mehr verkaufen, da Touristen mehr Geld dafür bezahlen. Die Umweltverschmutzung ist ein riesiges Problem. Alle Touristen wollen Mineralwasser in Flaschen. Die Nepalesen transportieren diese zwar ins Wandergebiet, aber niemand trägt die leeren Plastikflaschen wieder hinaus. Der Great Himalaya Trail wird vom nepalesischen Tourismusministerium als Entwicklungshilfe für entlegene Regionen angepriesen, aber davon ist man weit entfernt. In Dolpo ist es zum Beispiel gar nicht möglich, Touristen mit Eigenerzeugnissen zu versorgen. Um Geld und Arbeit in entlegene Gebiete zu bringen, muss die Bevölkerung besser ausgebildet werden. Dafür gibt es schöne Beispiele, etwa das Treibhausprojekt in Dolpo für mehr Gemüseanbau oder die Öffnung der Amchi-Ausbildung (Arzt der Tibetischen Medizin) für Nicht-Nachkommen von praktizierenden Amchis. In Dolpo gibt’s auch die Crystal Mountain School, wo die Bewahrung der tibetischen Kultur ganz oben am Lehrplan steht.  Aber Tourismus als Entwicklungshilfe? Nein, das geht nicht gut.

 

Was waren die schönsten Momente eurer Reise?

Susanne Stein: Im Nachhinein betrachtet hat es mir in Dolpo am besten gefallen, obwohl das auch die schlimmste Strecke war. Dort bekam ich das „echte Himalaja-Feeling“,  spürte die Einsamkeit und Unzugänglichkeit der verschneiten Pässe, die wir überqueren mussten. Ich mag es, über hohe Pässe zu gehen. Ich möchte immer sehen, was hinter der nächsten Gebirgskette liegt. Das ist wie ein Geheimnis, das du Schritt für Schritt aufdeckst. Und ich mag diese endlose Masse aus schneebedeckten Bergketten, diese riesige Fläche von Einsamkeit, Eis, Schnee, Kälte und Kraft, in der sich der Mensch klein und machtlos wie eine Ameise fühlt. Der Himalaja ist irgendwie was Besonderes, anders als die Alpen oder der Hindukusch. Für mich haben diese Berge eine Seele, einen Geist, wie Lebewesen. Vielleicht hat das auch mit der Kultur zu tun, mit den buddhistischen und animistischen Religionen in dieser Gegend.

 

Gerda Pauler: Es gab hunderte von schönen Momenten; Menschen, die fröhlich lachend auf mich zukamen, Träger Lakpa, der sich von den Anzeichen der Höhenkrankheit über Nacht so gut erholte;

Träger Pimba, der die lange Abseilpassage über die 150m Eisflanke am West Col trotz seiner Schneeblindheit sicher hinter sich brachte und vieles mehr. Das schönste Erlebnis war vielleicht das schüchterne Lächeln eines Teenagers in Helambu, zu dem ich ins Haus ging, damit er meine aufblasbare Liegematte untersuchen konnte. Der Bub litt an der Glasknochenkrankheit, konnte sich nur kriechend fortbewegen und hatte unser geschäftiges Treiben sehnsüchtig vom Fenster aus beobachtet.

 

Der schlimmste Moment der Reise?

Susanne Stein: Ich hatte zwei schreckliche Momente. Einmal, als ich mit dem Fuß umknickte, weil ich einer Herde wild galoppierenden Esel ausweichen wollte. Ich bin ganz blöd in ein Loch getreten und umgeknickt und konnte nicht mehr aufstehen, ich dachte zuerst, die Bänder seien gerissen. Wir sind dann ein Stück mit dem Bus gefahren und dann bin ich weiter gehumpelt. Aufzugeben brachte ich nicht übers Herz. Und mitten in Dolpo hatte ich einen eitrigen Zahn, der jetzt nicht mehr existiert. Dort weiter zu gehen, hat mich meine ganze Motivation gekostet, aber es gab keine andere Möglichkeit. Ganz schlimm war auch, als ich in Simikot ins Flugzeug gestiegen bin und die Reise vorbei war. Wenn ich da Geld gehabt hätte und die notwendigen Permits, ich wäre einfach weitergelaufen!

 

Gerda Pauler: Der anstrengendste Moment  war der Weg über den letzten 5000er Pass in Upper Dolpo. Ich glaubte, meine Muskeln seien auf Urlaub gegangen, ohne mich darüber zu informieren. Jeder Meter war ein einziger Kampf. Ich war unglaublich müde nach neun 5000er Pässen innerhalb von 14 Tagen.Schlimm war auch mein Hitzeschlag in der Nähe von Bigu Gompa. Da wollte ich nur noch sterben. Hat aber nicht geklappt... Und sehr deprimierend war Hilsa; mein Zielort. Einerseits war ich traurig, weil ich die Unmengen an billigem Alkohol sah, die die Chinesen zur Grenze transportieren, um damit Nepal zu überschwemmen, andererseits hatte ich das Gefühl, in ein riesen Loch zu fallen. Inklusive der Planungsphase hatte sich fast acht Monate alles in meinem Leben um diese Tour gedreht, und die war in Hilsa plötzlich vorbei.

 

Warum macht man soetwas überhaupt? Ist es eine Art Suche nach sich selbst in unserer hochtechnologisierten und überbehüteten Welt? 

Gerda Pauler: Nein, nach mir selbst suche ich nicht, und ich glaube auch nicht, dass man sich auf einer Reise, die ja eine Ausnahmesituation im Leben ist, finden kann. Die Tour war einerseits ein Abenteuer-Projekt und andererseits ein Wohltätigkeits-Projekt, um Kenntnisse über Autismus in entlegene Teile des Landes zu tragen und Betroffenen zu erklären, dass es in Kathmandu eine Organisation gibt, die Hilfe anbietet. Ich hab auch ein Buch über diese Reise geschrieben, das mittlerweile auf Deutsch und Englisch erschienen ist und halte Multimedia-Vorträge über meine Reise.

 

Susanne Stein: Also, das Thema Selbstfindung finde ich ein bisschen abgedroschen. Man lernt vielleicht neue Seiten von sich selbst kennen, man lernt ausdauernd zu sein und geduldig. Und ich bin dankbar, dass ich den GHT zum Spaß gehen durfte und nicht, um meine Familie zu ernähren, so wie die Guides und Träger. Die sind die wahren Helden, über die keiner spricht. Für mich war es ein Abenteuer, einfach das Draußen sein, den Elementen ausgesetzt, Steine unterm Schuh spüren, Wege suchen, mit ganz wenig auskommen. Und durch die Länge der Reise war es kein Urlaub mehr, sondern ein Stück Leben. 

 

Habt ihr schon neue Pläne? 

Susanne Stein: Ja, arbeiten, Geld verdienen und den Great Himalaja Trail in Nordindien fortsetzen, was mir leider dieses Jahr durch einen Kreuzbandriss auf dem Weg zum K2 Basecamp vereitelt wurde.

 

 

Gerda Pauler: Vor der Reise dachte ich, das würde mein letztes großes Abenteuer werden. Jetzt liegt mein „nächstes“ Abenteuer bereits hinter mir: „7 Summits of the Alps“ – per Fahrrad von Slowenien durch die Alpen nach Frankreich und Besteigung des jeweils höchsten Gipfels der sieben Alpenländer. Und nun? Erstmal wieder nach Nepal, um für ein neues Buch zu recherchieren.